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Von Hanns-Jochen Kaffsack, dpa
Saint-Raphaël (dpa) - Einige in
bauwütiger Zeit begangene Sünden der Vergangenheit ragen noch unübersehbar
in den azurblauen Himmel. Längst wetteifern die Stadtväter von Saint-Raphaël
mit dem Nachbarn Fréjus aber mehr in die Breite" - die zwischen Saint-Tropez
und Cannes gelegenen Küstenkommunen wuchern zu einer Agglomeration" für bald
100000 Menschen aus. So ist die Verstädterung der Côte d'Azur beispielhaft
für die immer stärkere Belastung des Mittelmeerraumes. Urbanisierung und
Wassermangel, Umweltprobleme und Überfischung, die mediterrane Region droht
ein Opfer ihrer Anziehungskraft zu werden.
Immer eindringlicher warnen Fachleute, die Mittelmeerküste werde nach und
nach zubetoniert. Die Belastungen durch die Touristenflut nimmt - vor allem
beim Autoverkehr und den Abfallbergen - überhand. Der Klimawandel bringt als
Geißel des 21. Jahrhunderts weit öfter als anderswo Dürre und Waldbrände
sowie Schädlingsplagen mit sich.
Wie der mediterrane Notstand im Jahr 2025 La Grande Bleue" heimgesucht haben
wird, sofern sich die Anrainerstaaten nicht zu einer radikalen Umkehr
durchringen, hat ein Regionalzentrum der UN-Umweltorganisation UNEP als ein
warnendes Szenario zusammengestellt. Zu seinem Fazit gehört vor allem, dass
nur eine deutlich verstärkte Nord-Süd-Zusammenarbeit helfen könnte. Was soll
man sonst noch tun, um Schlimmes abzuwenden? Wasserverbrauch und -verschwendung
müssen eingedämmt, erneuerbare Energien gefördert werden. Es gilt, auf den
öffentlichen Transport und ökologische Infrastrukturen zu setzen.
Mindestens 174 Millionen Menschen leben nach der 430 Seiten dicken Bilanz
und Prognose Blauer Plan" im Jahr 2025 an den Küsten des Mittelmeeres (2005:
etwa 150 Millionen). Demographen nennen das, was auf die Region zukommt,
einen galoppierenden Bevölkerungszuwachs.
Weitere 4000 Küstenkilometer werden, wenn alles so weiter geht, in zwei
Jahrzehnten zubetoniert sein - die Hälfte der Küste wird dann der
Urbanisierung und der Infrastruktur geopfert worden sein, darunter 1,5
Millionen Hektar Agrarland. Wasser wird immer knapper, gerade am südlichen
Rand des Meeres, dessen 46000 Kilometer Küste sich 21 Länder teilen. Mehr
Fabriken, Transportstrukturen, Abwassersorgen, eine um Millionen und
Abermillionen steigende Touristenzahl, während sich die Schiffsfracht auf
dem Mittelmeer fast vervierfacht - diese sich abzeichnenden Belastungen
treffen besonders den ärmeren Süden.
Schwaches Wirtschaftswachstum, Klimaerwärmung, zunehmende Urbanisierung, die
Gefahr liegt dabei vor allem in der Aussicht auf einen verstärkten sozialen,
wirtschaftlichen und ökologischen Bruch zwischen dem Nord- und dem Südufer",
halten die 300 Fachleute des von Guillaume Benoît geleiteten
Plan-Bleu"-Teams fest. Wenn die Anrainer nicht dem Tourismus, ihrer
wesentlichen Einnahmequelle, das Wasser abgraben wollen, müssen sie den
Verbrauch des kostbaren Nass einschränken. Benoît hält es auch für besser,
mehr eine dauerhafte Entwicklung anzustreben statt nur auf freien
Warenhandel zu setzen.
Beileibe nicht nur die Menschen leiden nach der Diagnose der Fachleute unter
dem geballten zivilisatorischen und ökologischen Druck auf das Mittelmeer
und seine Küsten. So sind Mönchsrobbe und Seeschildkröte bereits
verschwunden oder drohen dort auszusterben. Eingeschleppte Algenplagen
greifen um sich, und die Meeresbiologen klagen über eine anarchische
Entwicklung der Aquakultur". Wer am Mittelmeer arbeitet, der lebt zumeist
von Tourismus, Landwirtschaft oder Fischfang. Und er hofft darauf, dass die
Politiker etwas tun. |