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Von Christian Röwekamp
Victoria (dpa) - In Victoria ist
Geisterstunde rund um die Uhr: Kaum ein Ort in Kanada gilt als so verspukt
wie die Hauptstadt von British Columbia.
Gelegen im Süden von Vancouver Island, bringt Victoria aber auch das
Kunststück fertig, gleichzeitig ihr sehr britisches Erbe hoch zu halten und
mit vielen Alternativ-läden, High-Tech-Jobs und Pub-Brauereien ganz auf der
Höhe der Zeit zu sein.
Wer sich nach Victorias Geistern sehnt, begibt sich am besten in die
Gesellschaft von John Adams. Der graubärtige Historiker geht ein- bis
zweimal am Tag auf eine Tour durchs Stadtzentrum mit den Fassaden aus dem
19. Jahrhundert. Dass es ausgerechnet hier so sehr spukt, erklärt Adams mit
dem vielen Salzwasser rund um die Stadt und dem Vulkangestein im Untergrund:
Das hält die Energie der Geister fest."
Gruselig ist zum Beispiel Rogers Chocolats" an der Government Street, ein
1903 errichtetes Haus. John erzählt von Geisterhänden, die in die Ladenkasse
greifen, und von heller Schokolade, die von einem Unsichtbaren aus dem Regal
genommen und am Fußboden zerstampft wird. Das müssen die früheren Besitzer
sein, Charles und Leah Rogers. Die mochten nur dunkle Schokolade."
Verkäuferin Charlotte nickt dazu: Erst heute habe sich ganz von allein die
Stereoanlage im Raum eingeschaltet. Schon laufen erste kalte Schauer über
den Rücken.
Als besonders verspukt gelten außerdem der Bastion Square und das markante
Empress Hotel" am Hafen. Hier erleben Gäste angeblich oft, dass eine ältere
Frau anklopft und nach ihrem Zimmer fragt. Sie nennt dann die Nummer eines
Raumes, den es nicht mehr gibt, weil dort 2001 ein Fahrstuhl eingebaut wurde",
sagt John. In dem Raum sei einst eine ältere Dame gestorben. Nun ist das
Zimmer ihres Geistes weg. Und wenn sich der Gast dann umdreht, verschwindet
auch die Frau."
Im
Empress Hotel" gibt es aber auch angenehmere Erlebnisse zum Beispiel den
klassischen englischen Afternoon Tea". Seit 1908 wird er jährlich gut 115
000 Gästen serviert. Serviert wird der Tee mit Milch, anschließend gibt es
Wraps mit Krabben, Thunfisch, Gurke und Mangomus, dann Scones mit Marmelade
und Sahne und zum Schluss Kekse. Die Kellner tragen weiße Handschuhe, das
Porzellan hat das Dekor wie beim Besuch von König Georg VI. 1939 alles ist
hier very British".
Das soll es auch sein, vor allem amerikanische und asiatische Gäste suchten
nach lebendigen Traditionen aus der Kolonialzeit, sagt Kristine George vom
örtlichen Tourismusamt. Zu den Requisiten, die ein Klein-Britannien" am
Pazifik vorgaukeln sollen, gehören zum Beispiel die Doppeldeckerbusse auf
den Straßen sowie Geschäfte wie der Edinburgh Tartan Shop" mit klassischer
Damen- und Herren- mode.
Doch Victoria ist längst mehr als eine Stadt mit viel britischer Geschichte.
Im Beacon Hill Park markiert ein Schild die Meile Null" des
Trans-Canada-Highways, der bis Neufundland führt. Um den Market Square haben
sich Boutiquen und Designläden angesiedelt. Und es gibt vier Pub-Brauereien,
die ihre Lager- und Ale-Kreationen vor allem einem Publikum aus Twens und
Mittdreißigern auf---- tischen. Wer hier spät abends einkehrt, merkt eines
schnell: Der früher oft bemühte Spruch, Victoria sei eine Stadt nur für
frisch Verheiratete und Beinahe-Tote (a place for newlyweds and nearly deads"),
stimmt heute nicht mehr. |